POSITIONS 2020 & paper positions

By MBS

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POSITIONS

2020 @Flughafen Tempelhof

paper positions

Ist da endlich Licht am Ende des Tunnels erkennbar? Mit einem durchdachten Hygienekonzept war es Mitte September 2020 wieder möglich, zeitgenössische Kunst in den denkmalgeschützten Hangars des Flughafen Tempelhofs auf der POSITIONS und der paper positions zu genießen. Flankiert von der Photo Basel und der Fashion Positions zeigten 102 Galerien aus mehr als 50 Ländern über 400 Künstler*innen in facettenreicher Bandbreite. Die Hauptstadtkunstmesse präsentierte sich konzeptionell breit aufgestellt und auch unter Corona-Bedingungen bestens organisiert.

Für die Galerie Thomas Fuchs brachte der Verkauf eines Bildes des nicht mehr so neuen Wilden Rainer Fetting sicherlich die größte Presseaufmerksamkeit; die eigentliche Entdeckung hier waren aber die Bilder von Yongchul Kim. Seine Malerei fasziniert mit expressivem Pinselstrich, seine Wesen berühren in Momenten ständig sich verändernder Zustände unmittelbar die Seele. Kein Wunder, dass sich Käufer diesen Kunstgenuss schnell entschlossen an die eigenen Wände hängen wollten. Die aktuelle Ausstellung vom 18.9. – 17.10.2020 in Stuttgart lohnt sicher auch den Besuch.  

Bilder oben [Ausschnitt] und unten links: Wanderer, 2020 ©Yongchul Kim @Galerie Thomas Fuchs

Bild oben rechts: Hund, 2020 ©Yongchul Kim @Galerie Thomas Fuchs

Man muss in diesen Zeiten schon genauer hinschauen, um die Freude über den Messeerfolg an den Augen der Galerist*innen abzulesen, aber diese Fähigkeit kann auch in der Post-Pandemie Zeit nicht schaden. Wir alle sehnen den Moment herbei, endlich wieder in unmaskierte Gesichter blicken zu können; bis dahin ist der gut sitzende Mund-Nasen-Schutz das Artefakt der Verantwortungsbewussten.

Die Thematisierung von Maskierung ist aktueller denn je: Die Fotoserie von Oliver Lieber verdeutlicht, dass wir momentan mit unseren Masken geradezu verwöhnt sind. In Zeiten von despotischem Chemiewaffeneinsatz sind auch martialische Maskenformen leider nicht mehr undenkbar. Es ist so sinnlos, wenn Menschen sich vor dem schützen müssen, was sie selber verursachen.

Bilder oben: Aus der Serie Masken ©Oliver Lieber @Galerie VisuleX

Kunst thematisiert Missstände oft mit grausamen Botschaften, ermöglicht aber auch Momente voll ästhetischer Klarheit.

Bild oben: Bin gleich wieder da, 2016 ©Edite Grinberga @Galerie Friedmann-Hahn

Edite Grinbergas hyperrealistische Szenerien geben lediglich Hinweise auf Bewohner. Sie beleuchten bürgerliche Ideale und erinnern in ihrer reduzierten Ästhetik mit den feinsinnigen Bildtiteln an Roy Andersson Filme.

Bilder oben: Atelier mit Cello, 2020 ©Edite Grinberga @Galerie Friedmann-Hahn

Auch die Fotoarbeiten von Robert Voit laden dazu ein, genauer hinzuschauen, um seine visuellen Narrative aus der Distanz, Details aber auch aus der Nähe zu entdecken.

Bild oben: Aequilibrium IV (Mount Fuji), 2019 ©Robert Voit @Galerie Peter Sillem

Der Fuji zählt zum Weltkulturerbe, gilt wegen seiner Symmetrie als einer der schönsten Berge der Welt und ist häufig Thema nicht nur in der japanischen Kunst und Literatur.

68 Jahre früher: Meiji Shrine, 1951 ©Werner Bischof Estate ©Magnum Photos @Bildhalle Zürich

Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele. [Pablo Picasso]

Skulptur unten: Das Duell, 2018 ©Feng Lu @PYTHONGALLERY

Zur Inspiration eine Auswahl aus aktuellen Herren-Kollektionen (*Werbung):

Hier zeigte Dietmar Brixy seine Schichtmalerei auch als Tondo.

Bild im Hintergrund unten links: ©Dietmar Brixy @Galerie Tammen

Desmond Cadogan war Muse und Lebenspartner von Rainer Fetting.

Bild oben rechts: Desmond sitting, 2015 ©Rainer Fetting ©Galerie Thomas Fuchs

Bild oben: Feuerbringer, 2018 ©Miriam Vlaming @Galerie VON&VON

Bild unten links: Giant VW Bug Art Car, 2018 ©Römer + Römer @Lachenmann Art

Bild oben rechts: Coil_2020_08_20_1 (Gold), 2020 ©Stephan Ehrenhofer @Drj Art Projects

Die Arbeit von Stephan Ehrenhofer überzeugte nicht nur durch Farbigkeit und sein feines Gespür für textile Materialqualitäten, sondern auch wegen seiner nachhaltigen Materialnutzung: Er recycelte es aus dem raumgreifenden installativen Werk RODEO.

Bild unten: Untitled, 2019 ©Kai Wildemann @Galerie Kleindienst

Die Bildtitel von Marion Fink wirken aktueller denn je.

Bild unten links: Her once stable world had dissolved into a liquid dream, 2019 ©Marion Fink @Evelyn Drewes I Galerie

Es gibt ‘unter der Nase’-Maskenträger*innen und solche mit Stil. Noch nie war es so einfach, Menschen mit Verantwortungsbewusstsein auf Anhieb zu erkennen.

Letztes Jahr wurde die Malerin und Installationskünstlerin Oskar Rink gebeten, sich für die Jubiläumsausstellung im Grassimuseum mit dem Bauhaus auseinanderzusetzen; auch aktuell erinnert ihre Malerei an Kandinsky:

Bild oben: THE TWINS, 2020 ©Oskar Rink ©Galerie Kleindienst

Bild oben rechts: Fuenf BVG Fahrkarte, 2018 ©Peer Kriesel ©Galerie Martin Mertens

Peer Kriesel zeigt, dass auch kleinste Werke einen besonderen Eindruck hinterlassen können.

Bild oben: Tulipmania 7, 2020 ©Franziska Maderthaner @Brennecke Fine Art

Skulptur unten links: Grüner Vogel, 2020 ©Matthias Garff @Galerie Tammen

Bild oben rechts: ©Bim Koehler @SCHMALFUSS BERLIN

Matthias Dornfelds Wesen sieht uns liebevoll an, als ob es unser wahres Selbst erkennt. Wenn wir also das Gefühl haben, dass es uns betrachtet, liegt es an der einfachen Wahrheit: Es kann Gedanken lesen und lächelt trotzdem.

Bild oben: Untitled (out of the lion series) ©Matthias Dornfeld @BARK BERLIN*GALLERY

Bild unten rechts: It’s a mental hospital, 2018 ©Raquel van Haver @ARTCO

Raquel van Haver collagiert und malt oft monumental, manchmal auch dunkel und bedrohlich; sie thematisiert Grenzen zwischen sozialen Hierarchien und erforscht Herkunft und Identität.

Carina Linges Porträts vermitteln über das Sichtbare hinaus auch einen Eindruck der inneren Gefühlswelt ihrer Protagonistinnen: Die britische Bloggerin und Feministin Laurie Penny schreibt wütende, aber zugleich auch humorvolle Texte über Ängste und Frustrationen der jüngeren Generation; einen intensiven Moment lang wird man Teil ihrer Welt.

Bild oben: Hosianna, 2019 ©Carina Linge @Jarmuschek + Partner

Bild unten rechts: Toxic Temptation, 2019 ©Moritz Schleime @Jarmuschek + Partner

Zur Inspiration eine Auswahl aus aktuellen Damen-Kollektionen (*Werbung):

Bild oben links: ©Verena Freyschmidt ©Galerie Dr. Nanna Preußners

Verena Freyschmidt [rechts] setzt in ihren Papierschnitten Strukturen und Formationen neu zusammen; ihre künstlerische Schöpfungen sind wie Anmutungen an die Natur, die organisch wachsend den Raum erobern.

Bild oben: Am Ufer, 2020 ©Miwa Ogasawara ©Loock Galerie

Ogasawaras Malerei lenkt die Aufmerksamkeit auf Momente und Dinge, die man nicht immer erkennen oder ganz verstehen kann, die aber trotzdem spürbar Einfluss nehmen.

Bild unten links: Ohne Titel, 2020 ©Nashun Nashunbatu @Galerie Hübner + Hübner

Kleid oben rechts: Die Designerin Mira von der Osten – CRUBA zeigte auf der Fashion Positions ein Crêpe de Chine-Seidenkleid mit Digitaldruck.

Kristin Kolb zeichnet anthropomorphe Tiere auf Bücher und Notenblätter, deren Attitüden verweisen humorvoll auf die jeweiligen Inhalte der bemalten Werke.

Bild oben: The Marriage of Figaro, 2019 ©Kristin Kolb @Kunkel Fine Art

Auf dem Außengelände gab es die Preisträger*innen des Contemporary African Photography Prize 2019 zu entdecken: Bild unten links: Land of Ibeji, 2018 ©Sanne De Wilde, Benedicte Kurzen

Martin Schuster verarbeitet die Ästhetik von Phänomenen der Popkultur zu surrealen, phantastischen und geheimnisvollen Landschaften. Hier befasst er sich mit einer weltlichen Interpretation von Dantes Erzählung der Göttlichen Komödie.

Er übersetzt die sieben Höllenkreise, u.a. Wollust und Völlerei, in eine jetztzeitige Bildsprache und inszeniert diese durch teils absurde, teils pornographische Szenerien, die auf Beobachtungen auf der Straße beruhen.

Bild oben: Welcome to The Hukilau, 2019 ©Martin Schuster @Galerie Intershop

Wände in Petersburger Hängung mit Restposten bekannter Künstler zu zeigen, ist noch keine Kunstmesse, da helfen auch keine Wortspiele. Erst die unterschiedliche Auswahl der Galerist*innen erzeugt diese Vielfalt zeitgenössischer Kunst, die gerade den Besuch einer richtigen Kunstmesse lohnenswert macht.

Bild oben rechts: Tea for two, 2017 ©Alex Timmermans @PERSIEHL & HEINE

Matthias Kessler brennt Bitmap-Bilder von politischen Bränden in einem technischen Prozess in Papier ein. So sind seine Bildinhalte gleichzeitig auch Produktionsmethode.

Bilder oben: Disasters of War I + II (After Goya), 2020 ©Matthias Kessler @Galerie Heike Strelow

Bild unten: Antinomie I [Ausschnitt], 2020 ©Constantin Schroeder @Galerie VON & VON

Bild unten: ©Radu Belcin @Galerie Martin Mertens

Belcins Bilder sollte man aushalten, Irritationen bei dunklen Assoziationen überwinden können. Wer sich darauf einlässt, wird mit intensiver psychologischer Vielschichtigkeit belohnt.

Bilder unten links: Aus der Serie Facing Tradition, 2019 ©Sebastian Wehrle @GALERIE SUPPER

Auch die Auftritte von EVA & ADELE haben auf der Art Week schon Tradition. Selbst die Masken sind mit Liebe zum Detail perfekt auf das Outfit abgestimmt. Fotos: ©MBS

Da kann man sich doch schon auf die nächste POSITIONS1 freuen. Dann wohl ohne Masken, aber hoffentlich mit dem Erkenntnisgewinn, dass es ein unabdingbares Zeichen von Charakterstärke ist, wenn man nicht nur damit Verantwortung für andere übernimmt.

Maybe stories are just data with a soul.2

POSITIONS 2020 & paper positions

Die Hauptstadtkunstmesse präsentierte sich konzeptionell breit aufgestellt und bestens organisiert.

Katharina Grosse: It Wasn’t Us @Hamburger Bahnhof

Statt mit Stoff verhüllt sie Körper, Umgebung und Architektur mit Farbe.

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  1. Videonachweis: https://www.youtube.com/watch?v=RczOtNixx2g, ©MFSY Reporter, Zugriff 21.09.20.
  2. Vgl. Brown, o. J.

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